Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste, war Mitglied der Jury, die im Auftrag der Kultusministerkonferenz zwei deutsche Städte als Kandidaten für die Europäische Kulturhauptstadt 2010 vorschlagen sollte. In der Wochenzeitung "DIE ZEIT" schrieb er dazu:
"Ich war mit schlechtem Gewissen hingekommen, traurig sicher, diese Agglomeration könne es nicht zur Kulturhauptstadt schaffen. Ein Vortrag, kürzlich in der Villa Hügel gehalten, hatte meine touristische Optik des Reviers nicht zu seinem Vorteil verändert. Nun aber geriet sie in Bewegung, und zwar in der Größenordnung Bergsturz. Beim Eintritt der Jury in die Bochumer Jahrhunderthalle standen ‑ am frühen Sonntagvormittag! ‑ zum Geschmetter einer Bläsergruppe wohl fünfzig Bürgermeister in der Runde, schweigend wie eine demonstrierende Knappschaft. Dazu bewegte sich eine Schauspielerin aus der unendlichen Tiefe des Raums auf uns zu und rezitierte eine mythologische Beschreibung des Reviers.
Das hätte schon zu viel sein können, doch es wurde immer noch mehr. Eine ganze Landschaft enthüllte sich in drei Stunden als Bühne eines umfassenden Trauerspiels, dessen Besetzung ‑ unscheinbar oder spektakulär ‑ den Untergang verweigerte. Wo immer wir hinkamen, waren Häuser, Siedlungen, Industriedenkmäler mit dem Umlernen im größten Stil beschäftigt, und die neue Sprache war nicht nur diejenige einer spezialisierten »Kultur«: Sie schlug Brücken über den ebenso monumentalen wie unvermeidlichen Bruch mit der industriellen Vergangenheit. Was die Zeit schon abgeschrieben hatte, war ihr, als urbanistische Avantgarde, plötzlich wieder voraus. Das ehemalige Revier atmete nicht mehr Staub, sondern Zukunft."
Informationen über: